Ludwig van Beethoven, Sonate für Klavier (As-Dur) op. 110, 3. Satz, Autograph
Beethoven-Haus Bonn, Sammlung H. C. Bodmer, HCB BMh 2/42
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Wissenswert
Verworfenes Manuskript mit Anweisungen für den Stecher
Lange Zeit herrschte Unklarheit über die Einordnung dieses Autographes (der 3. Satz der Klaviersonate op. 110) in die Entstehungsgeschichte der Sonate. Mehrere Befunde legten verwirrende Spuren: Das Autograph ist als Reinschrift angelegt, also vermutlich nicht der erste Versuch einer Niederschrift, sondern nach einer bereits existierenden Vorlage erstellt. Dennoch enthält es Korrekturen, die am Zeilenrand mit "Berl." gekennzeichnet sind (auf vielen Seiten, besonders gut sichtbar auf Bl. 3r (Bild 5)). Die Sonate sollte bei Schlesinger in Berlin gedruckt werden. Die Kennzeichnung bedeutet, dass die Korrekturen in der dem Verlag bereits zugegangenen Stichvorlage noch nicht enthalten waren und deshalb dem Verleger noch mitgeteilt werden mußten. Zur Sonate existiert allerdings auch noch ein vollständiges Autograph, welches in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt wird. Dieses enthält wiederum andere Korrekturen, die im Druck auch berücksichtigt wurden, und stellt eindeutig die Endversion dar. Welchen Stellenwert hat also das vorliegende Autograph? Hans-Werner Küthen legte 1981 in einem Aufsatz ("Die ominöse Stelle um den Orgelpunkt herum". Text- und Quellengeschichtliches zur Fuge in Beethovens Klaviersonate op. 110) dar, dass es sich bei dem Bonner Autograph des 3. Satzes nicht um eine 2. Fassung, wie häufig vermutet wurde, sondern um eine verworfene Textversion handelt. Beethoven hatte größere Schwierigkeiten im 3. Satz, die aus dessen Konzeption, der Verschränkung zwischen Adagio und Fuge und aus der Gestalt der Fuge resultierten. Diese Probleme spiegeln sich in den vorhandenen Quellen: Zunächst revidierte Beethoven das vollständige Berliner Autograph einmal. Eine Lösung für die Fugengestalt gefunden, schrieb er sich ein neues Manuskript des 3. Satzes ab, das hier abgebildete Bonner Autograph. Anschließende Zweifel bewogen ihn jedoch dazu, wieder korrigierend zum Berliner Autograph zurückzukehren. Dieses enthält daher die Endfassung. Das Bonner Autograph verwarf der Komponist. Daß es dennoch Korrekturen für den Berliner Verlag enthält, erklärt sich nach Küthen aus der Tatsache, dass Beethoven diese Änderungen anbrachte, als ihm das vollständige Autograph nicht mehr vorlag. Einzige greifbare Textversion war das obsolete Manuskript, in das Beethoven, der Not gehorchend, seine Korrekturen anbrachte, um sie nicht zu vergessen oder zu verlieren. Vorliegendes Autograph beinhaltet also eine vom Komponisten verworfene Fassung, auf die er aus Verlegenheit zurückgriff, um notwendige Berichtigungen für den Stecher festzuhalten. (J.R.)