Ludwig van Beethoven, Quartett für zwei Violinen, Viola und Violoncello (F-Dur) op. 135, Stimmen, Autograph
Beethoven-Haus Bonn, Sammlung H. C. Bodmer, HCB BMh 6/46
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Wissenswert
Es muß sein!
Beethoven hat die Abschrift zu seinem letzten Streichquartett op. 135 im Oktober 1826 selbst angefertigt. Erstaunlich: Er schrieb das Werk in Einzelstimmen ab - in dieser Lebensspanne kommt das relativ selten vor und ist eigentlich ungewöhnlich für Beethoven. Alle vier Stimmen tragen über dem letzten Satz die Überschrift "Der schwer gefaßte Entschluß", versehen mit dem berühmten Text- und Notenmotto "Muß es sein?" - "Es muß sein!". Der Pariser Originalverleger des Streichquartetts, Maurice Schlesinger, berichtete Ende 1850er Jahre von einem Begleitschreiben Beethovens, das dieser bei Postsendung der Abschrift beigelegt habe. Darin wird sowohl das Motto begründet als auch erklärt, warum Beethoven selbst und nicht ein Kopist das Quartett abschrieb. Der Originalbrief sei bei einem Wohnungsbrand vernichtet worden. Aus dem Gedächtnis hielt Schlesinger Beethovens Wortlaut fest: "Sehen Sie, was ich für ein unglücklicher Mensch bin, nicht nur, dass es was schweres gewesen es zu schreiben, weil ich an etwas anderes viel grösseres dachte, und es nur schrieb, weil ich es Ihnen versprochen und Geld brauchte und dass es mir hart ankam können Sie aus dem es muss sein.... entziffern, aber nun kommt noch dazu, dass ich wünschte es Ihnen in Stimmen der Deutlichkeit für den Stich halber zu schicken und in ganz Mödlingen finde ich keinen Kopisten, und da habe ich es selbst kopiren Müssen, das war einmahl ein sauber Stück Arbeit! Uf es ist geschehen. Amen." (BGA 2224. Beethoven an Maurice Schlesinger in Paris, Gneixendorf, 30. Oktober 1826). Beethoven befand sich zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Quartetts noch in seinem Sommeraufenthalt, allerdings in Gneixendorf (dies ist auch auf der ersten Seite der Violine 1 vermerkt) und nicht in Mödling (hier hat sich Schlesinger wahrscheinlich geirrt; Beethoven war in früheren Jahren häufig nach Mödling gefahren).
Beethovens Freund Karl Holz berichtet deutlich weniger ernsthaft von der Entstehung des Mottos "Muß es sein". Die Anekdote wird durch entsprechende Einträge in Konversationsheften gestützt: "Beethoven hatte eben das Quartett in B [op. 130] (...) vollendet und überließ das Manuscript seinem Freunde Schuppanzigh zur Aufführung, womit sich dieser reichlich Einnahme versprach [Schuppanzigh war der 1. Geiger eines Streichquartetts]. Um so mehr ärgerte sich Beethoven, als er nach der Production erfuhr, daß sich ein in Wien bekannter wohlhabender Musikliebhaber D... dabei nicht einfand, indem er behauptete, er könne dieses Quartett in der Folge im eigenen Cirkel und von tüchtigen Künstlern aufführen lassen; das Manuscript von B. zu erhalten, falle ihm nicht schwer. Dieser Herr wandte sich nun wirklich in kurzer Zeit durch die Fürsprache eines Freundes an Beethoven, und ließ ihn um die Stimmen zu dem neuesten Quartett ersuchen. Beethoven erklärte ihm hierauf schriftlich, er wolle die Stimmen schicken, wenn Schuppanzigh für die erste Aufführung mit 50 fl. Entschädigt würde. Ganz unangenehm überrascht sagte nun D... dem Überbringer des Billets: 'Wenn es sein muß -!' Diese Antwort wurde Beethoven hinterbracht, worüber er herzlich lachte, und augenblicklich den Canon niederschrieb: 'Es muß seyn! Es muß seyn!' [WoO 196]. Aus diesem Canon entstand im Spätherbste des Jahres 1826 das Finale seines letzten Quartetts in F-dur, welches er überschrieb: 'Der schwer gefaßte Entschluß'." (J.R.)