Ludwig van Beethoven, Sonate für Klavier (c-Moll) op. 111, Überprüfte Abschrift
Beethoven-Haus Bonn, Sammlung H. C. Bodmer, HCB Mh 54
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Wissenswert
"leztere vernichten Sie sogleich"
Entgegen Beethovens Anweisung hat der Berliner Verleger Schlesinger die vorliegende überprüfte Abschrift der Klaviersonate op. 111 nicht vernichtet. Und das aus einem guten Grund: er bekam wahrscheinlich keine andere.
So könnte sich die Geschichte von Beethovens letzter großer Klaviersonate und deren Druckvorlage abgespielt haben (ganz geklärt ist die Abhängigkeit der verschiedenen Quellen untereinander nicht):
1820 hatte Beethoven sich mit dem Berliner Verleger Adolph Martin Schlesinger geeinigt und ihm seine letzten drei Klaviersonate op. 109, 110 und 111 verkauft. Im Januar 1822 stellte Beethoven das Autograph der Sonate op. 111 fertig (der 1. Satz davon befindet sich im Beethoven-Haus, BH 71; vom 2. Satz fehlt jede Spur). Von diesem ersten Autograph ließ der Komponist eine Abschrift für den Verleger anfertigen. Diese Abschrift ist HCB Mh 54, Beethoven hat sie durchgesehen, korrigiert und nach Berlin geschickt. Anschließend schrieb er jedoch das Autograph noch einmal. Besonders im 2. Satz kam es zu gravierenden Änderungen, so daß Beethoven im Februar nach Berlin schrieb: "bey der lezten Sonate [op. 111] die jezt schon abgeschickt ist, worden zeige ich ihnen nur noch an, daß ich ihnen eine andere Abschrift gleich mit künftigem Postwagen schicke, u. zwar von dem lezten Saze mit Variationen - in so vielen zerstreuten Beschäftigungen geschah es, daß ich dem Copist mein bloßes erstes Koncept übergeben, wodurch wie es manchmal zu geschehen pflegt manches noch unvollkommen u nicht richtig angezeigt war, sie dörfen also gar keinen Gebrauch davon machen auch bitte ich sie es niemanden andern zu zeigen, so bald sie die andere Abschrift erhalten haben vernichten sie es sogleich, durch meine frühere Krankheit blieb mir so manches liegen, daher hat es sich sehr gedrängt bey mir, u. Es kann wohl so etwas geschehen, sie werden diesen Saz höchstens 8 täge später als die Sonate selbst erhalten (...)" (BGA 1458. Beethoven an Adolph Martin Schlesinger in Berlin, Wien den 20. Februar 1822). Vom 2. Satz sollte also noch eine Abschrift mit der aktuellen Fassung angefertigt werden. Fünf Wochen später, Anfang April, kündigt Beethoven diese zweite Kopie an: "(...) jedoch geht erst durch Verhindrung mit dem morgigen Postwagen die Neue Abschrift des lezten Sazes der 3ten Sonate, ich bitte sie gleich beym Empfang den selbigen mit einem Zeichen zu bezeichnen, damit diese Abschrift mit der, die sie schon haben nicht verwechselt werde, u. leztere vernichten Sie sogleich." (BGA 1460. Beethoven an Adolph Martin Schlesinger in Berlin, Wien am 9. April 1822). Im Juli bestätigt Adolph Martin Schlesinger den Erhalt von Beethovens Briefen. Mit keinem Wort erwähnt er allerdings den Eingang der zweiten Kopie. Wahrscheinlich hat er die diese zweite Abschrift nie erhalten und mußte nach der ersten stechen.
Schlesingers Sohn Maurice, der sich kurz zuvor als Musikverleger in Paris niedergelassen hatte, hatte seinen Vater im Frühjahr dieses Jahres 1822 besucht und von diesem die vorliegende Abschrift zum Druck erhalten. Um sich besser mit seinem Verlag in Paris etablieren zu können, sollte Maurice statt seinem Vater die Klaviersonate des berühmten Komponisten herausbringen. Die Stichvorlage - die hier abgebildete Abschrift - hat ein einheitliches Aussehen und läßt nicht erkennen, daß der zweite Satz ausgewechselt wurde. Zwar sind die einzelnen Sätze unabhängig, nicht zusammengebunden. Beide Sätze sind jedoch vom Kopisten Wenzel Rampl geschrieben, das Papier ist in Rastrierung und Wasserzeichen identisch. Lediglich die Heftung (bzw. die Heftlöcher) weist Unterschiede auf. Wahrscheinlich hat also Maurice bei seinem Besuch die erste Kopie der Sonate erhalten. Möglicherweise ist die von Beethoven angekündigte Kopie des 2. Satzes nie in Berlin angekommen. (J.R.)