Ludwig van Beethoven, Skizzenbuch "Bonn BH 108" zur Messe op. 123, Autograph
Beethoven-Haus Bonn, BH 108
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Wissenswert
Wie Zeitungsanzeigen bei der Datierung helfen
"die Mesze ist nun bald vollendet", berichtet Beethoven im Oktober 1819 zum Fortgang seiner Arbeit an der Missa solemnis op. 123 dem Erzherzog Rudolph. Wie sehr er sich dabei täuscht, kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzen (erst zur Jahreswende 1822/23 sollte er das Autograph abschließen). Der Optimismus dieser Nachricht ist jedoch an den Skizzenbüchern erkennbar. Das Beethoven-Haus besitzt drei Taschenskizzenhefte (so benannt, weil Beethoven sie in seiner Rocktasche bei sich trug) zur Missa solemnis. Das hier dargestellte zweite enthält hauptsächlich Entwürfe zum Credo und Agnus Dei und entstand April bis Juni 1820. Dieses Datum lässt sich leicht ermitteln. Über der 3. Seite vermerkte Beethoven die Jahreszahl "1820". Die Festlegung auf bestimmte Monate des Jahres entnehmen wir anderen Zusammenhängen: Auf den ersten beiden Seiten befinden sich zwei Abschriften Beethovens aus dem Intelligenzblatt der Wiener Zeitung. Auf Seite 1 (Bild 1) notierte er sich eine Wohnungsanzeige "nahe Vorstadt wohnung von 5 Zimmer in Auskunfts Komtoir mit oder ohne Garten", auf Seite 2 (Bild 2) eine Buchanzeige "Die Kunst in 2 Monathen Griechisch zu lernen von C. A. L. Kästner Leipzig 1820 2 fl: 30 kr W.W. bej Gerold am Stephansplatz". Beide Anzeigen erschienen mehrfach im Juni 1820, jedoch nur an einem einzigen Tag, dem 16. Juni, beide in der selben Ausgabe.
Obwohl Beethovens Anzeigen-Abschriften vermeintlich auf dem ersten Blatt des Skizzenheftes stehen, stammen die meisten Skizzen schon von vor Juni 1820. Das jetzige erste Blatt ist ursprünglich das letzte des Heftes, welches nach vorne umgeschlagen wurde. Die kopierten Zeitungsanzeigen befanden sich also eigentlich am Ende des Heftes. Das würde bedeuten, dass die letzten Skizzen vom Juni 1820 stammen. Auf Seite 3 (Bild 2), der ursprünglich ersten Seite, auf der auch die Jahreszahl vermerkt steht, befindet sich in der unteren Blatthälfte die Notiz "schon von der stadt an". Beethoven brach am 12. Mai zu seinem Sommeraufenthalt nach Mödling auf. Wenn er also noch in der "Stadt", in Wien, mit der Arbeit in diesem Skizzenheft begann, so datieren die ersten Entwürfe darin vermutlich aus Ende April 1820. Die Notiz mit der Datierung scheint - wie schon bei BH 107 - nachträglich angebracht worden zu sein (weshalb sie wohl auch über Skizzen hinweg geschrieben wurde). (J.R.)