Beethovens letzter Flügel wird rekonstruiert
23.01.2026Nachbau soll bis Ende 2026 fertig sein und im Beethoven-Jubiläumsjahr 2027 in Konzerten erklingen. Kooperationsprojekt des Bonner Beethoven-Hauses mit dem Orpheus Instituut in Gent und der KU Leuven University. Rotary Club Bonn Süd-Bad Godesberg unterstützt mit Anschubfinanzierung
Das Beethoven-Jubiläumsjahr 2027, in dem an den 200. Todestag des Komponisten erinnert wird, wirft seine ersten Schatten voraus. Zu den besonderen Projekten des Beethoven-Hauses zum Jubiläumsjahr zählt die Rekonstruktion von Beethovens letztem Hammerflügel. Das Original-Instrument ist eines der herausragenden Objekte in der Dauerausstellung des Museums. "Es war uns schon lange ein Anliegen, die originale Gestalt des Instruments herauszuarbeiten und den Klang dieses besonderen Instruments, das leider nicht mehr spielbar ist, wiederzubeleben. Wir freuen uns sehr, dass nun in Kooperation mit Tom Beghin vom belgischen Orpheus Instituut und der Katholischen Universität (KU) Leuven auf fundierter wissenschaftlicher Basis ein Nachbau entsteht. Das rekonstruierte Instrument soll nach Fertigstellung für Konzert- und Forschungszwecke verwendet werden und langfristig im Beethoven-Haus seine Heimstatt finden", so Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses. Das Projekt wird von allen Kooperationspartnern gemeinsam finanziert. Die Beteiligung des Beethoven-Hauses wird ermöglicht durch eine großzügige Anschubfinanzierung des Rotary Clubs Bonn Süd – Bad Godesberg.
Ziemlich genau vor 200 Jahren, am 24. Januar 1826, hatte Beethoven den Hammerflügel von Conrad Graf, dem versierten Wiener Klavierbauer, als Leihinstrument erhalten. "Wir finden, deshalb ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt, um erstmals über unser Projekt zu berichten", meint der belgische Fortepianist und Wissenschaftler Tom Beghin, der das Projekt initiierte. Nach Beethovens Tod 1827 ging der Flügel wieder an Graf zurück, der ihn daraufhin mit einem Namensschild "L. van Beethofen" kennzeichnete. 1889 erwarb der gerade gegründete Verein Beethoven-Haus Bonn das Instrument als eines der ersten Objekte für seine Sammlung.
Der Flügel hat einen Umfang von 6,5 Oktaven (C1 bis f4) und eine Wiener Mechanik, ab D ist er vierchörig bespannt (hat also vier statt der heute noch allgemein üblichen drei Saiten pro Taste). Dem Zeitgeist entsprechend wurden Mitte des 19. Jahrhunderts neue Beine für das Instrument angefertigt, und der Flügel erhielt eine neue Lyra mit nur noch drei Pedalen (Verschiebung, Piano, Dämpfung). Der wohl vorher vorhandene Janitscharenzug, mit denen besondere Klangeffekte erzeugt werden konnten, wurde ausgebaut. In den 1960er Jahren wurde das Instrument erneut mit den damals üblichen schwer reversiblen Methoden überholt. Heute ist der Flügel nicht mehr spielbar, von einer weiteren Restaurierung raten alle Fachleute ab.
Statt dessen soll er nun in seiner ursprünglichen Form der Beethoven-Zeit rekonstruiert und seine klavierbautechnischen Hintergründe erforscht werden. Nicht nur die Wiederherstellung der Originalgestalt spielt dabei eine Rolle, auch die Frage nach den Auswirkungen der Vierchörigkeit mit einem Saitenzug von ca. 7600 kg auf den Klavierkorpus wird untersucht. Graf hatte nur wenige Versuche mit dieser Bespannung unternommen und sie schließlich aufgegeben.
Mit der Rekonstruktion wurde der versierte Klavierbauer Chris Maene in Ruiselede (Belgien) beauftragt. Maene verfügt über viel Erfahrung mit historischen Flügeln aus der Beethoven-Zeit und hat bereits zwei vergleichbare Projekte mit Tom Beghin zur Rekonstruktion des Erard- und des Broadwood-Flügels aus Beethovens Besitz durchgeführt.
Beethoven-Haus-Kustodin Julia Ronge freut sich: "Unser Anliegen ist es, unsere Sammlung, zu der auch der letzte Flügel Beethovens zählt, auf lebendige Weise für die Menschen heute zugänglich zu machen. Der rekonstruierte Nachbau des Graf-Flügels ermöglicht es uns, das Instrument regelmäßig im Museumsbetrieb einzusetzen, um den Besuchern den Klang dieses besonderen Klaviers aus der Beethoven-Zeit nahezubringen."
Bis zum Ende des Jahres 2026 soll der Nachbau fertiggestellt sein, um im Jubiläumsjahr 2027 und in der Folge für Konzertreisen, Forschung und Vorträge genutzt werden zu können. Auch die Einbindung in Jubiläumsveranstaltungen des Beethoven-Hauses in 2027 ist geplant. In etwa fünf Jahren soll das Instrument schließlich im Musikzimmer des Museums seinen festen Platz finden.
Pressebilder können unter www.beethoven.de/presse/projekt/graf heruntergeladen werden.
Kontakt:
Ursula Timmer-Fontani
Leiterin Unternehmenskommunikation
Beethoven-Haus Bonn
timmer-fontani@beethoven.de
+49 (0) 228 98175-16
Zum Beethoven-Haus Bonn: Der 1889 gegründete Verein Beethoven-Haus Bonn gilt als das international führende Beethoven- Zentrum. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Beethovens Leben, Werk und Wirken lebendig zu halten. Zu der kulturellen Einrichtung gehört die weltweit bedeutendste Beethoven-Sammlung, das Museum in Beethovens Geburtshaus mit über 100.000 Besuchern (stand vor Corona) pro Jahr, eine musikwissenschaftliche Forschungsabteilung nebst Bibliothek und Verlag sowie der Kammermusiksaal Hermann J. Abs. Getragen von über 700 Freunden, Förderern und Mitgliedern aus über 20 Ländern, unterstützt von Bund, Land NRW, Landschaftsverband Rheinland und Bundesstadt Bonn, erfüllt das Beethoven-Haus einen kulturellen Auftrag von nationaler und internationaler Bedeutung. Präsident ist seit März 2020 der Geiger Daniel Hope.
Orpeus Instituut, Gent:
Das Orpheus Instituut ist ein unabhängiges, international ausgerichtetes Zentrum für künstlerische Forschung im Bereich Musik, das von der flämischen Regierung unterstützt wird. Es leistet wissenschaftliche Pionierarbeit, die das Schaffen und Verstehen von Musik transformiert und die Stimme des Künstlers in den Mittelpunkt der Wissensbildung stellt. Das Orpheus Instituut bringt herausragende Künstler-Wissenschaftler zusammen und erforscht neue musikalische Praktiken, die die Zukunft der künstlerischen Forschung ausloten.
KU Leuven University
Die KU Leuven gilt als „Europas innovativste Universität“ (Reuters) und belegt Platz 45 im Times Higher Education World University Ranking (2024). An der größten Universität Belgiens studieren 65.000 Studierende aus über 140 Ländern. Ihre 8.000 Wissenschaftler sind in einem umfassenden Spektrum an Disziplinen tätig. Die KU Leuven ist Gründungsmitglied der League of European Research Universities (LERU) und stark europäisch und international ausgerichtet.