Auf den Spuren Beethovens

Hans Conrad Bodmer und seine Sammlung

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Der Sammler

Familie und Studium

Hans Conrad Ferdinand Bodmer wurde am 16. Dezember 1891 in eine der vornehmsten und begütertsten Zürcher Familien hineingeboren. Seit Mitte des
16. Jahrhunderts war die Familie in der Stadt an der Limmat ansässig und als Handwerker, Kaufleute und Fabrikanten zu beträchtlichem Vermögen und einflussreichen Ämtern gekommen. Die Kultur nahm einen hohen Stellenwert in der Familie ein. Die fünf Kinder von Hans Conrad und Mathilde Bodmer, geb. Zoelly, lernten in ihrem Elternhaus bedeutende Persönlichkeiten wie Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann kennen. Der dritte Vorname ist entlehnt von Conrad Ferdinand Meyer, der auch die Patenschaft übernahm. Mit Hans Conrad und seinem acht Jahre jüngeren Bruder Martin gingen gleich zwei der bedeutendsten Privatsammler des 20. Jahrhunderts aus der Familie hervor. Martin Bodmer widmete sein ganzes Leben der umfassenden Aufgabe, eine "Bibliothek der Weltliteratur" (Bibliotheca Bodmeriana) zusammenzutragen. Hingegen konzentrierte sich Hans Conrad Bodmer ganz auf Ludwig van Beethoven. In jungen Jahren hörte er in einem Konzert die "Coriolan"-Ouvertüre op. 62 und eine Symphonie; seitdem übte Beethoven eine nie nachlassende Faszination auf ihn aus. Auch durch sein Geburtsdatum - er teilte gerne die Annahme, Beethoven sei wie er am 16. Dezember geboren - fühlte er sich besonders mit dem Komponisten verbunden.


Hans Conrad Bodmer, Berlin 1933
Foto: Privatbesitz Bonn


Bodmer spielte selbst Geige und sang im Chor. Von Volkmar Andreae, langjähriger Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters, erhielt er eine erste Einführung in Musiktheorie. Nach dem Abitur studierte er dann in den Jahren 1913-1916 in Berlin bei Max Friedländer und Hermann Kretzschmar Musikwissenschaft und nahm bei Emil Nikolaus von Reznicek privaten Kompositionsunterricht. Von seinen Kompositionen haben sich allerdings nur einige wenige erhalten, darunter zwei Lieder nach Gedichten von Ludwig Uhland und Eduard Mörike und mehrere Fugen für gemischten Chor und Orgel bzw. für Klavier. Im Zusammenhang mit Beethoven besonders interessant ist eine Kyrie-Doppelfuge. Sie basiert nämlich auf dem Thema einer Doppelfuge in F-Dur für vierstimmigen gemischten Chor, die Beethoven 1794/1795 bei seinem eigenen Unterricht bei Johann Georg Albrechtsberger entworfen hatte. Beethovens Manuskript wurde 1916 bei Karl Ernst Henrici in Berlin angeboten und könnte eine von Bodmers ersten Erwerbungen gewesen sein.


Ludwig van Beethoven, Entwurf einer Doppelfuge für vierstimmigen gemischten Chor



Hans Conrad Bodmer, Doppelfuge über dasselbe Thema
Privatbesitz Bonn


Bodmers Komposition enthält wie auch seine weiteren Fugen Korrekturvermerke seines Lehrers Reznicek. In einer Analyse seiner eigenen Kyrie-Doppelfuge merkte er an: "Ein mir zu Gesicht gekommenes Skizzenblatt Beethovens enthielt dieses 6taktige Doppeltema mit Text. […] Es war für mich ein famoses Gefühl dieses unverwendete Tema Beeth. zu verarbeiten!"
Bodmer blieb seinem Lehrer auch über seine Berliner Zeit hinaus verbunden. Reznicek widmete ihm 1918 seine Symphonie im alten Stil. 1920 reiste Bodmer zur Uraufführung von Rezniceks Oper "Ritter Blaubart" nach Darmstadt und sorgte später auch für eine Produktion der Oper am Zürcher Stadttheater, indem er die ganze Aufführung samt Kostümen und Dekorationen finanzierte.

Später hat Bodmer ganz auf eine eigene künstlerische Tätigkeit verzichtet. Stattdessen wandte er sich in eine völlig anderen Richtung: Im Februar 1928 begann der 36-jährige an der Universität seiner Heimatstadt Medizin zu studieren. Seine klinischen Semester absolvierte Bodmer bei dem fünf Jahre jüngeren Otto Mauritz Schürch, der im Oktober 1935 seine Tochter Charlotte heiratete. Nach 10 Jahren - Bodmer hatte das Studium wegen einer Lungenentzündung über ein Jahr unterbrechen müssen - schloss er dann mit Staatsexamen und Promotion ab. 1939 erschien seine Dissertation "Über Lungensarkome beim Kinde". Bodmer hat den Beruf eines Arztes aber nie ausgeübt.


Bodmers Dissertation aus dem Jahre 1939
Privatbesitz Bonn


Neben seiner Großzügigkeit, für Hermann Hesse errichtete er das Anwesen in Montagnola und räumte ihm dort ein lebenslanges Wohnrecht ein, und seiner Begeisterungsfähigkeit war seine stark ausgeprägte Naturliebe ein weiterer wesentlicher Charakterzug. Er liebte die Ruhe und Erhabenheit der Bergwelt, die er als Bergsteiger auf ausgedehnten Touren genoss. Eine ausgeprägte Leidenschaft hegte er für Pferde; in Rüschlikon und München-Riem betrieb er eigene Reitställe. Aber er hatte auch Haustiere wie Hunde, Katzen und sogar einen "Sir Henry Fish" genannten Goldfisch.


Bodmer mit seinen Pferden in seinem Reitstall in München-Riem
Foto: Privatbesitz Bonn


1916, in seinem letzten Berliner Studienjahr, hatte Bodmer Elsa Stünzi geheiratet. Er hatte seine spätere Frau bei einem Konzertbesuch kennen gelernt, wo sie zufällig neben ihm gesessen hatte. Hans Conrad und Elsa Bodmer bekamen drei Kinder: die schon erwähnte Charlotte, Hans Conrad und Peter.


Elsa Bodmer mit ihrem Hund, um 1950
Foto: Privatbesitz Bonn

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