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100. Jahrestag der asiatischen Erstaufführung von Beethovens "Neunter" in Naruto

Kultur in Zeiten des Krieges. Die Stadt Naruto feiert sich als selbst ernannte "Heimat der Neunten"

Beitrag 1 des #BTHVN2020 Count Down Blogs vom 12.6.2018


Der Kinderchor, der mit Beethoven den Weltfrieden besingt, ist eine der großen Fallen, die das Beethoven Jubiläum 2020 bereithält. So verkommt die musikalische Wahnsinnstat des ertaubten Beethoven zum Routine-Event und zur Symbolpolitik. Umso beeindruckender stellten sich die Feierlichkeiten in Naruto dar, die am vergangenen Wochenende anlässlich des 100. Jahrestages der asiatischen Erstaufführung der "Neunten" stattfanden.

Dahinter verbirgt sich eine unglaubliche Geschichte aus der Frühphase des ersten Weltkriegs, als Japan an der Seite der Alliierten in Tsingtao mehrere Tausend deutsche Gefangene nahm. Um die 1000 von ihnen wurden ab 1917 in Bando untergebracht. Der Lagerleiter Oberst Toyohisa Matsue ermöglichte den Kriegsgefangenen ein vergleichsweise freizügiges Leben. Unter seiner Leitung durften sie Handwerksberufe ausüben und Handel treiben. So verwendet eine Bäckerei in Naruto noch immer Rezepte, die ihr einer der Kriegsgefangenen überlassen hatte. Geradezu unglaublich jedoch war das kulturelle Leben im Lager. In den rund 32 Monaten der Kriegsgefangenschaft lassen sich über 21 Theateraufführungen nachweisen, sowie über 100 Liederabende, Kammermusiken, Unterhaltungsabende oder Konzerte in sogenannter "Wiener Besetzung". Am 1. Juni 1918 gipfelte dies in einer Aufführung der 9. Sinfonie. Unter einfachsten Bedingungen sowie unter der Leitung des Oberoboisten-Maats des Marineartillerie-Orchesters, Hermann Hansen, musizierten in einer Baracke 45 Gefangene und sang neben vier männlichen Solisten ein 80 Mann starker Männerchor.

Die symbolische Bedeutung dieser im Rückblick ersten Aufführung der "Neunten" in Asien ist nicht zu unterschätzen. Sie drückt den Selbstbehauptungswillen der Internierten ebenso aus, wie den "Geist der Toleranz, der Menschenliebe und des Wohlwollens", den die Gefangenen bei ihrem Abschied dem Lagerleiter bescheinigten. Sie markiert aber auch die Stunde Null der sogenannten Daiku - Tradition in Japan. "Daiku" heisst "Die Neunte" und traditionell bereiten sich jedes Jahr tausende Japaner auf eine Laien-Aufführung der Sinfonie vor. Bekannt geworden ist die arte Filmproduktion einer Massenveranstaltung unter Yutaka Sado mit 10.000 Laiensängern in Osaka 2011, dem Schicksalsjahr mit der dreifachen Katastrophe von Fukushima. Inwieweit die spektakulären Daiku Konzerte direkt oder mittelbar auf die Erstaufführung in Naruto zurückgehen, ist ungewiss. Fürst Yorisada Tokugawa, der einige Konzertaufführungen in Bando erlebt hatte, könnte zum entscheidenden Multiplikator für die europäische Musik in Japan geworden sein. Wie auch immer ist Naruto im Krieg gegen Deutschland zur Heimat der "Neunten" geworden. Der 1. Juni wird als "Tag der Neunten" in Erinnerung gehalten und der erste Sonntag im Juni ist seit 1982 auch traditionell der Tag der Aufführung eines großen Laien-Konzertes.

Vor diesem Hintergrund hatte Naruto am zurückliegenden Wochenende zu einem wahren Veranstaltungsmarathon eingeladen. Im Zentrum stand die Rekonstruktion der historischen Erstaufführung, gefolgt von der 37. Daiku Aufführung mit 1200 Teilnehmern. Unter der Leitung von Nobuhara Takeharu musizierte direkt vor dem Deutschen Haus in unmittelbarer Lagernäge ein japanisches Profi - Orchester sowie ein aus dem Verein zum Singen der "Neunten" Naruto zusammengesetzter reiner Männerchor. In der Sopran- und Alt- Stimme traten Koroyasu Toshihide und Tokimune Tsutomu als Solisten an. Die Aufführung unter freiem Himmel war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Sie war von einer musikalisch perfekten und historisch informierten Aufführung weit entfernt. Die Klangfarbe der Männerstimmen und des reduzierten Orchesters ließen aber umso eindrücklicher die Herausforderungen erahnen, vor denen Dirigent und die Lagermusiker 1918 standen. Umso eindrucksvoller die Wirkung des Finalsatzes, die sich auf mehrere tausend Besucher übertrug und zu großen Beifallsstürmen führte. Am Ende zählt nicht die Routine des professionellen Konzertbetriebs, sondern die gesellschaftliche Grenzsituation, die der Aufführung der "Neunten" Bedeutung verleiht.

Zum Jahrestag hatten sich Vertreter von 49 Familien ehemaliger Gefangener nach Naruto begeben. Zum Ausklang der Feiern sangen sie Seite an Seite mit den Nachfahren von Toyohisa Matsu und dem Lagerpersonal in einer 1200 Mann starken Daiku Aufführung mit Vertretern aus China, Japan, USA und Deutschland. Der amtierende Oberbürgermeister Michihiko Izumi sprach insoweit vom "Wunder" von Bando. Alle Beteiligten seien geeint von der Idee, dass trotz des Krieges in Bando Respekt, Toleranz und Mitmenschlichkeit aufrecht erhalten wurden. Diese Brücke trage bis heute. Alt Bundespräsident Wulff, der schon als niedersächsischer Ministerpräsident die Beziehungen zum Deutschen Haus in Naruto intensiv unterstützt hatte, sprach davon, dass ihn die Geschichte von Bando nie losgelassen habe und dass ihre menschliche Botschaft immer aktueller werde.

Die Hansestadt Lüneburg, das Land Niedersachen, die Stadt Naruto und die Präfektur Tokushima sind entschlossen, die Aufnahme aller Dokumente und Materialien im Zusammenhang mit dem Kriegsgefangenenlager Bando, darunter das Programmheft der Erstaufführung, in das UNESCO Weltdokumentenerbe zu beantragen. Viele der Originaldokumente, darunter der Programmzettel der historischen Aufführung, werden in der Sammlung des Beethoven-Hauses Bonn aufbewahrt. Was wäre die Anerkennung des Weltdokumentenerbes für ein phantastischer Beitrag zu #BTHVN2020!

Siehe auch die Internetausstellung über das kulturelle Leben im Lager Bando.