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Briefedition Fortsetzung

Beethovens Briefe geben in ungewöhnlichem Maß Einblick in seine Persönlichkeit und enthalten eine Fülle von Informationen zu seinem Lebensalltag und zur Textgeschichte seiner Werke, die nicht aus anderen Quellen zu gewinnen sind. Biographische Arbeiten gingen zwar bereits im 19. Jahrhundert mit Briefsammlungen sowohl in handschriftlicher als auch in gedruckter Form einher, doch ist es zu einer wirklich umfassenden, zuverlässigen Ausgabe in der Originalsprache - überwiegend Deutsch - bisher nicht gekommen.

Die 1984 ins Leben gerufene Briefedition des Beethoven-Archivs ist als Gesamtausgabe konzipiert. Sie erfasst sämtliche nachweisbaren Briefe, die von Beethoven geschrieben oder an ihn gerichtet ("Gegenbriefe") worden sind. Aufgenommen werden auch Briefe, die in seinem Auftrag oder Interesse sowie in dem seiner Korrespondenten verfasst wurden ("Drittbriefe"). Als Brief gilt unabhängig von Form und Inhalt jedes Schreiben, das eine verbale Mitteilung an einen Adressaten transportiert.

Der Text der Briefe wird in diplomatischer Umschrift, "buchstabengetreu", und vollständig wiedergegeben. Zu diesem Zweck müssen die Originalschreiben ermittelt werden, die weit verstreut und vielfach noch in privatem Besitz sind. Ältere Publikationen sind als Quelle in der Regel unzureichend. Sie greifen nicht selten modernisierend in den Wortlaut ein, enthalten Lesefehler, die aus der Eigenart von Beethovens Schrift herrühren, und sind meistens gekürzt. Denn zum Brieftext gehörig zählt in der Bonner Briefedition außer der eigentlichen Mitteilung Anrede, Grußformel, Ort und Datum (falls vorhanden) und die Adresse des Empfängers. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von den meisten älteren Ausgaben. Wiedergegeben werden, entsprechend gekennzeichnet, auch gestrichene Passagen und Entwürfe, die in früheren Publikationen fast stets unterdrückt wurden. Wenn die Originalschreiben unzugänglich, verschollen oder vernichtet sind, werden nach philologischen Regeln die verlässlichsten handschriftlichen oder gedruckten sonstigen Textzeugen herangezogen.

Ein diffiziles Problem der Bonner Edition ist die Chronologie der Briefe. Da ein hoher Prozentsatz der Schreiben Beethovens undatiert oder unvollständig und auch falsch datiert ist, muss das korrekte Datum in beinahe detektivischer Kleinarbeit aus der äußeren Beschaffenheit des Originalschreibens und nach inneren Kriterien erschlossen werden. Auch hierin liegt ein wichtiger Unterschied zu älteren Briefausgaben.

Jedem Brief wird ein Kommentar nachgestellt, der sich in einen kritischen Apparat und einen Erläuterungsteil gliedert. Der kritische Apparat gibt Auskunft über die herangezogene Quelle (Fundort, äußere Beschaffenheit, Faksimile-Wiedergaben), gegebenenfalls über abweichende Lesarten und Entwürfe sowie über Empfänger- und Postvermerke. Der erläuternde Teil befasst sich mit Fragen der Chronologie und des Inhalts. Er stellt den Brief in seinen biographischen Kontext. Über die Ziele der Bonner Briefausgabe und ihre editorischen Richtlinien gibt die Einführung in Band 1 ausführlich Auskunft. Dort sind auch die älteren deutschen und englischen Beethoven-Briefausgaben behandelt.

Zwischen 1996 und 1998 sind unter dem Titel "Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe" sieben Bände der Bonner Briefausgabe im G. Henle Verlag in München herausgekommen (Band 1-6: Briefe von 1783 bis 1827, Band 7: Register). Band 8 (Dokumente, Sachregister) ist in Vorbereitung. Seit 1999 liegen die erschienenen Bände auch in digitaler Form (CD ROM) vor. Eine italienische Übersetzung von L. Della Croce wird unter der Schirmherrschaft der Accademia Nazionale di Santa Cecilia seit 1999 bei Skira Editore in Mailand verlegt.